Magersucht - Erfahrungsaustausch

Anonymer Benutzer

Administrator
Hallo allerseits!

Ich bin zutiefst dankbar über jede Hilfe, die mich bezüglich meines gesundheitlichen Anliegens, das mich schwer belastet, erreicht. Entsprechend ausführlich ist die folgende Schilderung, und ich bedanke mich im Voraus herzlichst für jeden, der sich ihr widmet.


(Gleich vorab an alle, die mir raten: „Such einen Arzt auf“: Das habe ich bereits getan, und ich bin noch immer auf der Suche nach solchen, die kompetent genug sind, mir wirklich zu helfen.
Insofern hoffe ich, ergänzend via Internet ein noch breiteres, potentiell hilfreiches Spektrum vorzufinden.)

Meine Situation ist wie folgt:

Ich litt circa von 11/2014 – 11/2018 (15. bis 19. Lebensjahr) an einer recht extremen Magersucht, die nie therapiert wurde.

In den ersten 2,5 Jahren gab es kaum messbare Schäden (bis auf eine evtl. Wachstumsverzögerung, soziale Isolation usw.). Es gab Phasen der Gewichtszunahme, ich fühlte mich insgesamt top gesund, und meine schulischen Leistungen am Gymnasium waren so exzellent, dass meine Lehrer/innen mich scherzhaft fragten, warum ich nicht schon längst eine Top-Manager-Position belegte.
Intellektuell war ich meinen Altersgenossen längst um Weiten überlegen.

Im April 2017 allerdings wendete sich alles. Ich begann, mich vegan zu ernähren, und zwar ohne jegliche fachliche Kenntnisse. Ich trieb außerordentlich viel Sport, meine Ernährung bestand ausschließlich aus Soja, Kakao, etwas Obst und Gemüse: Es waren ca. 400 kcal pro Tag.
Ich hatte schwere Depressionen, und ich schaffte es nicht mehr aus der Abwärts-Spirale hinaus.

Etwa im September 2017 hatte ich nahezu all meine Muskelmasse verloren, ich konnte noch nicht einmal mehr ein Portemonnaie in der Hand halten, das war mir schon zu schwer - und leider ist das kein Witz.

Ich merkte wirklich, dass die Sauerstoffversorgung und die Durchblutung meines Körpers miserabel waren.
Ich hatte Haarausfall und meine Haut wurde extrem dünn.
Dies äußerte sich auch darin, dass ich nun extrem empfindlich gegenüber (Auto-)Abgasen wurde.
Mein Körper hatte keine Barriere mehr, um die Freie Radikalen und die damit verbunden Oxidationsprozesse abzuwenden, die durch den seelischen und mentalen Stress nur weiter angeheizt wurden.

Allerdings gab es zwei Sachen, die am aller schlimmsten waren:

Ich spürte wirklich, wie sich die Substanz meiner Augen veränderte.
Es war, als würde mein Körper aus der Augenhöhle die restlichen noch verbliebenen Stoffe abbauen, die er so dringend benötigte.

In diesem Zuge erlitt ich extreme Sehschäden. Alles, insbesondere Ferngelegenes, sah ich nur noch verschwommen. Ich hatte darüber hinaus das Gefühl, als könne mein Gehirn die Bilder nicht mehr richtig zusammensetzen.

Selbiges Phänomen konnte ich auch in meinem Kopf spüren – das war das mit Abstand scheußlichste Gefühl, und ein gesunder Mensch könnte es sich niemals vorstellen.

Ich spürte faktisch, wie auch mein Gehirnmasse „mobilisiert“ wurde.

(Mir ist bekannt, dass dies oft die „Graue Gehirnmasse“ ist, die nach einer Gewichtszunahme in den meisten Fällen zurückkehren soll, doch unten werde ich noch erläutern, weshalb es wohl noch etwas schwerwiegender war.)

Erst zu diesem schockierenden Zeitpunkt „wachte ich auf“.
Erst jetzt begann ich, zu realisieren, was ich mir, meinem Körper und meiner so viel versprechenden Zukunft eigentlich angetan hatte – doch der Schaden ist womöglich irreversibel.

Erst jetzt begab ich mich zu einem Allgemeinmediziner, der mir nicht helfen konnte.
Im Krankenhaus wurden einige organische Untersuchungen gemacht, die keine aussagekräftigen Befunde ergaben. Die von mir besuchten Psychosomatischen Kliniken taugten nichts, und auch die Psychotherapie war ein Witz.
Ich war physisch, psychisch, seelisch ein Wrack, und niemand konnte mich reparieren.
Obwohl ich sofort begann, mich wieder gesund und auch von tierischer Kost zu ernähren, veränderte sich rein gar nichts an meiner Lage.

Mein kompletter Charakter hat sich um 180 Grad verändert. Von der starken, hochintelligenten, organisierten, humorvollen Person wurde ich zum wimmernden Elend (vergleichbar mit einem Fötus fühlte ich mich), das nicht alleine sein konnte und es noch nicht einmal schaffte, einen Kleiderschrank einzuräumen. Mein Abitur bestand ich trotz der enormen Fehlzeiten mit Ach und Krach – ganz abgesehen von all dem Spott und Hohn der Mitschüler/innen, der sich über mich ergoss.

In der Zeit von 09/2017 bis 11/2018 litt ich wie Tier, und ich dachte oft über Suizid nach, weil ich de facto keine lebenswerte Existenz mehr führte. Ich spreche hier nicht nur von schwerwiegenden Depressionen, sondern von Knochenschmerzen, schweren neurologischen Veränderungen und so vielem mehr.

Fast forward zum heutigen Tag: Einige Symptome haben sich gelindert. Meine Depression ist geheilt, ich spüre Lebensfreude - und dennoch ist meine Lebensqualität bei Weitem nicht dort, wo sie noch 2016 war. Mein Sehvermögen ist noch immer schwach, ich kann keinen Kilometer laufen, ohne dass mir Knochen (oder Bänder) schmerzen. Auch meine mentale Leistung ist vielleicht bei nur 30% des Standes vor dieser Phase (schwaches Gedächtnis, extrem lange Denkzeiten..).

Was ich für meine Genesung tue? Ich nehme einige Nahrungserzänzungsmittel (Calcium + D3 für Knochen, Glutaminsäure für das Denken usw.), ernähre mich gesund und ausgewogen und lebe in einem liebevollen Umfeld. Gelegentlich betreibe ich etwas Sport zwecks Muskelaufbau und Anregung des Knochenstoffwechsels, doch hier sitzen noch zu viele Traumata, als dass ich es konsequent „durchziehen“ könnte.

Selbstverständlich bin ich noch immer auf der Suche nach Ärzten, die mir helfen können.

Allerdings hoffe ich, den ein oder anderen Ratschlag – entstanden aus Expertenwissen oder Eigenerfahrung - zu erhalten.

In diesem Sinne bedanke ich mich im Voraus vielmals!

Beste Grüße
Blue Oceans
 

Dr. Edmund Schmidt

Neues Mitglied
Hallo lieber Fragesteller/-in ,

Ich bin Allgemeninarzt in Bayern und mit meiner Frau seit 23 Jahren im Bereich Kohärenzmedizin und Vitalstoffmedizin tätig. Tatsächlich behandeln wir einigen ähnlich geartete Fälle. Der Weg aus der Abwärtsspirale heraus ist langwierig aber möglich. Einen Fahrplan auf dieser Seite in einigen oder mehreren Zeilen zu verfassen wäre aufgrund der komplexen Problematik unseriös. Mein Vorschlag wäre sich telefonisch über ein weiteres Vorgehen zu verständigen (dies ist kostenfrei) Wie es dann weitergeht, können wir dann individuell vereinbaren.

Viele Grüße

Nathalie und Dr. med. Edmund Schmidt
 

Anonymer Benutzer

Administrator
Hallo ich habe deinen Beitrag gelesen und dieser ist mir sehr nah gegangen. Ich selbst leide seit 15 Jahren an Magersucht und habe selbige Folgeschäden wie du. (Extreme Gelenkschmerzen, Osteoporose, schlechtes Sehvermögen, Gedächtnisschwund etc.)
Ich habe bis jetzt selten jemand getroffen, dem es auch so geht und würde mich gerne mit dir austauschen wenn du dieses möchtest. Ich würde mich selbst freuen aber verstehe auch wenn dir dieses Thema zu persönlich ist.
Anni
 

Jochen Auer Wohlfühlpilot

Moderator
Teammitglied
Hallo, ich bin klinischer Psychologe und war jahrelang psychotherapeutisch in einer psychosomatischen Klinik tätig, bevor ich mich mit meiner Frau selbständig gemacht habe. Meine Frau hat jahrelang die Gruppe in der Klinik geleitet, die genau für eine solche psychosomatische Störung zuständig ist. Vorweg mal gleich: Magersucht ist heilbar, zwar nicht in ein paar Wochen, aber wenn du über einen längeren Zeitraum daran arbeitest. Es gibt viele verschiedene Möglichkeiten, daran zu arbeiten. Adhoc einfach so einen Ratschlag hinzuschreiben, fände ich selbst gerade nicht sehr individuell auf dich zugeschnitten. Aber du kannst dich gerne bei uns melden, wenn du noch Bedarf hast.
 

HeartHealthPeace

Neues Mitglied
Guten Abend, zunächst einmal tut es mir sehr leid, dass es dir so ergangen ist und auch zurzeit noch ergeht. In meinem Bekanntenkreis ging es einer Person leider ebenfalls lange so, die in ihrer Jugend an Magersucht litt, weshalb ich mich schon mal mit dem Thema auseinandergesetzt habe.
Das Phänomen, dass das Gehirn "abbaut" nennt sich wohl Hirn-Atrophie. Das kann daran liegen, dass durch die Mangelernährung die Protein-Bio-Synthese im Kopf leicht reduziert wird, wodurch nicht genug Eiweiße hergestellt werden um die Nervenzellen zu regenerieren. Der Prozess da raus zu kommen gilt als sehr langwierig. Ich hatte gelesen, dass ein großer Teil der grauen Masse, die verloren geht, wieder "zurück kommt", wenn man wieder auf ein gesundes Gewicht mit gesunder Ernährung kommt. Dieses sollte man allerdings auch länger halten, denn der Körper braucht seine Zeit, um sich von den Schäden, die die Magersucht hinterlässt, zu erholen. Ich glaube aber dich beruhigen zu können, denn ich hatte gelesen, dass diese Art des Gehirn Abbaus nur eine "Pseudo-Atrophie", d.h deine Gehirnkapazität ist nicht für immer verloren. Meistens komme sie wohl zurück, sobald der Körper lange Zeit stabil ist. Und selbst wenn sie vielleicht nicht mehr zu 100% wie davor ist, solltest du trotzdem versuchen früher oder später Frieden damit zu finden. Deine Zukunft ist nicht verloren, dein Körper regeneriert sich! Ich kann dir nur raten weiterhin ein möglichst gesundes Leben zu führen und wenn möglich deinen Umgang mit den Folgen therapeutisch zu begleiten. Ständig nach hinten zu schauen lässt dein ehemaliges Ich vielleicht rosiger und dein jetziges Ich schlechter aussehen als es wirklich ist. Ich bin mir sicher, dass du weit aus intelligenter bist als du zurzeit von dir denkst. :) Bleib stark! Liebe Grüße
 
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